Ich fühle mich an nichts von dem gebunden, was ich geschrieben habe. Ich nehme aber auch kein Wort davon zurück.
Jean Paul Sartre

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Das ist der Erfahrungsbericht, den ich für die Zeitung von ICX geschrieben habe. Vielleicht interessiert es irgendjemanden von euch ja auch. Es war zwar ein bisschen Arbeit diesen zu schreiben, war aber gut, um mal Bilanz zu ziehen. Obwohl anderthalb Seiten natürlich nicht genug Platz für die Erlebnisse von sechs Monaten sind...

„Dann erzähl mal!“ Diese Aufforderung kriege ich zurzeit, so kurz nach meinem Wiederkommen, eigentlich von jedem zu hören. Und bei keinem weiß ich, wo ich anfangen soll. Denn in meinem halben Jahr in Down under habe ich so unendlich viele Erfahrungen gemacht; persönliche und kulturelle, positive und negative, komische und schwierige.
Im Großen und Ganzen, gerade wenn ich von den Erlebnissen anderer Austauschschüler lese und höre, habe ich den Eindruck, dass es mir wohl schwerer fiel als den meisten anderen. Am Anfang lag das vor allem daran, dass ich furchtbares Heimweh hatte. Klar hatte ich vorher gewusst, dass ich mein zuhause vermissen würde, aber darauf kann einen einfach nichts vorbereiten. Ich hätte mich am liebsten in meinem Zimmer verkrochen und nur noch geheult. Es war so schlimm, dass Nivi, die Betreuerin der australischen Partnerorganisation ISCA, dachte, dass ich meinen Aufenthalt abbrechen würde. Doch ich bin dageblieben. Und wenn ich in Australien etwas gelernt habe, dann dass Weinen nicht gegen Traurigkeit hilft, sondern dass man aktiv etwas dagegen tun muss. Zum Durchhalten hätten auch mein Stolz, nicht aufzugeben, und der Plan meiner Familie, mich am Ende zum gemeinsamen Urlaub zu besuchen, gereicht, aber um mein halbes Jahr genießen zu können, musste ich diese Lektion in die Tat umsetzen. Es war gut mit Leuten über meine Probleme reden zu können, mit Nivi, meiner Gastmutter, meiner Familie zuhause, meinen neugewonnen Freunden und auch mit meiner Ancient History Lehrerin. Aber fast noch wichtiger war, etwas zu unternehmen und mich abzulenken. Also verabredete ich mich am Wochenende mit einer Gruppe anderer Austauschschüler von meiner Schule, die zum Teil ähnliches Heimweh hatten und vor allem auch unbedingt Brisbane und Umgebung erkunden wollten. Und am schönen Strand von Surfers Paradise vergaß ich dann erst mal das wahrscheinlich sowieso kalte und verregnete Norddeutschland.
So hätte es dann eigentlich weitergehen können, aber eines Nachmittags nahm mich meine Gastmutter beiseite und sagte mir, dass sie krank sei und operiert werden müsse, und ich deshalb möglichst bald in eine neue Gastfamilie wechseln müsse. Zuerst war es ein furchtbarer Schock für mich. Ich sollte mich wieder in eine fremde Familie einleben, morgens wieder in einem anderen Zimmer aufwachen, wieder nicht wissen, mit welchem Bus ich nun nach Hause kommen würde. Aber im Nachhinein war dieser Wechsel wahrscheinlich gar nicht so schlecht. Zwar habe ich nie eine enge oder gar familiär zu nennende Beziehung zu meiner Gastfamilie gehabt und wir haben auch so gut wie nie gemeinsam etwas unternommen, aber ich habe mich dort eigentlich immer wohl gefühlt und meine beiden Gastschwestern waren auch lustiger als der Gastbruder aus meiner ersten Familie, der nie mit mir geredet hatte.
Und so lebte ich mich dann irgendwie ein. Ich hatte schon vorher einige wirklich nette Leute kennen gelernt, aber jetzt vertieften sich diese Freundschaften und neue kamen hinzu. Zum Ende hin verbrachte ich meine Pausen mit ganz unterschiedlichen Menschen als am Anfang, weil mir aufgefallen war, dass ich mit den Leuten aus der ersten Gruppe eigentlich gar nicht so viel anfangen konnte. Schade nur, dass diese Erkenntnis so spät kam, denn gegen Ende, konnte ich gar nicht genug Zeit mit meinen absolut wunderbaren Freunden verbringen. Leider hatten sie außerhalb der Schule nicht so viel Zeit für mich, wie ich es mir gewünscht hätte. Am Anfang habe ich das noch sehr persönlich genommen und gedacht, ich würde sie irgendwie langweilen, aber ziemlich schnell habe ich gelernt, dass sie einfach wirklich wenig Zeit hatten. Wir besuchten alle schon die zwölfte Klasse, was deren letztes und damit auch wichtigstes Schuljahr ist. Die Australier legten dementsprechend viel Wert auf gute Noten und mussten dafür einfach ziemlich viel Zeit in Schule investieren. Mir hingegen fiel die Schule dort drüben immer recht leicht. Vieles hatte ich schon in Deutschland durchgenommen und Sprachprobleme hatte ich von Anfang so gut wie gar nicht. Und wenn mir doch einmal etwas unklar war, waren immer sofort Leute bereit mir zu helfen. Ans Englische gewöhnte ich mich außerdem sehr schnell. Aber schließlich gebrauchte ich diese Fremdsprache ja auch in meinem kompletten täglichen Leben, inklusive beim Denken und Träumen.
Und irgendwann neigte sich meine Zeit in Australien dann dem Ende zu. Zu diesem Zeitpunkt freute ich mich einerseits schrecklich auf zuhause, andererseits tat es mir leid, gerade jetzt gehen zu müssen, wo ich angefangen hatte, meine Zeit so richtig zu genießen. Im Nachhinein würde ich auch sagen, dass ein ganzes Jahr der bessere Zeitraum für einen Auslandsaufenthalt ist.
Meine letzten drei Wochen in Brisbane hatte ich dann Ferien und musste, da meine Gastfamilie wegfahren wollte, noch einmal umziehen. Diesmal hatte ich damit jedoch keine Probleme mehr, da mir meine Freunde sowieso viel näher stehen als es jede Gastfamilie jemals tun könnte. Außerdem wohnte ich bei einer außerordentlich netten Familie.
Trotzdem war ich natürlich einfach nur glücklich als mich meine eigene Familie nach sechs langen Monaten wieder in die Arme schloss. Wir verbrachten noch drei wunderbare gemeinsame Wochen in Australien, in denen wir unglaublich viel schönes, wenn auch nur einen winzigen Bruchteil dieses riesigen Landes sehen konnten.
Vielleicht hört sich dieser Bericht jetzt zum Teil sehr negativ an. Trotzdem bereue ich meine Entscheidung, für ein halbes Jahr wegzugehen in keiner Weise. Ich bin froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben und ich würde jedem empfehlen, auch einmal das Bekannte gegen das Unbekannte einzutauschen und seine eigenen zu sammeln.



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